Verantwortlichkeit vs. Beliebtheit

Everybody’s Darling is everbody’s Depp – das sagte schon Franz-Josef Strauß, ein Mann der gleichzeitig geliebt und gehasst wurde. Kaum ein deutscher Politiker polarisierte so wie das CSU-Urgestein aus Bayern.

Wer möchte nicht beliebt sein?

Wenn ich in meinem Leben zurückblicke, war ich häufig ein Depp. Ich wollte von allen gemocht werden. Ja, ich wollte überall beliebt sein. Das ist mir auch oft gelungen. Durch meine sympathische Art und wegen meiner hohen Empathie konnte ich Menschen schnell für mich gewinnen – teilweise sogar regelrecht begeistern. Doch beliebt sein zu wollen, hat mich enorm viel Kraft gekostet. Ist ja klar: Wenn Sie es jedem recht machen wollen, müssen Sie selbst extrem zurückstecken. Ich stellte also meine Bedürfnisse regelmäßig hinten an. So weit, dass ich manchmal selbst gar nicht mehr wusste, was ich eigentlich will. Es ging bis zu dem Punkt, dass ich mich fragte: „Wer bin ich eigentlich?“ 

Wir erschaffen uns gegenseitig!

Es gibt die These, dass Menschen sich gegenseitig erschaffen. Diesen Gedanken finde ich wahnsinnig spannend. Was denken Sie, wenn Sie diesen Satz lesen: „Wir erschaffen uns gegenseitig“? Können Sie sich darunter etwas vorstellen? Ich beschäftige mich immer wieder mit dieser These. Auch wenn ich sie immer besser begreife, habe ich den Kern noch nicht komplett durchdrungen. Um Ihnen zu erklären, wie ich diese Aussage aktuell verstehe, hier ein Beispiel aus meiner persönlichen Vita: In meinem letzten Job war ich am Anfang immer der sympathische, nette und zuvorkommende Typ – der „Netzwerker“, der gefühlt jeden kannte, viele Freunde hatte und immer freundlich und freudestrahlend durchs Leben ging.

Damals war mir wichtig, mit allen gut auszukommen und immer begeistert zu sein. Ich wollte diese Begeisterung teilen und hatte in der Firma die naive Vorstellung: „Wir sind eine Familie“. Gleichzeitig war ich überzeugt, dass alle anderen auch so denken und fühlen wie ich.

Möchten Sie Verantwortung übernehmen oder beliebt sein?

Auf der anderen Seite wollte ich mich aber auch beweisen, Karriere machen und Verantwortung übernehmen. Durch mein Engagement und die Bereitschaft, Projekte selbstständig zu übernehmen, interessierte sich schnell die Chefetage für mein Tun. Es dauerte nicht lange und ich war persönlicher Assistent des Geschäftsführers.

Die erste Herausforderung in dieser Position ließ nicht lange auf sich warten. Ich war in der Zwickmühle: Als rechte Hand vom Chef sollte ich seine Entscheidungen vertreten. Dabei riskierte ich, bei den Mitarbeitern nicht mehr beliebt zu sein. Durch mein Handeln, Wirken und meine Äußerungen wurde ich genau beobachtet – einerseits von der Geschäftsleitung, andererseits von meinen Kollegen. Die ja jetzt gar nicht mehr „Kollegen“ waren. Ich musste mir die Frage stellen: „Wo stehe ich?“

Menschen entwickeln heißt auch unbequem sein

Es wurde nicht leichter. Im nächsten Schritt wurde ich Ausbildungsleiter und habe das Thema Ausbildung im Unternehmen etabliert und aufgebaut. Nun war ich verantwortlich für junge, wissbegierige Menschen, die mich als Vorbild sahen. Und – Sie wissen, was jetzt kommt – mehr und mehr gab es Situationen, in denen ich unbequem sein musste, um dem Nachwuchs mein Wissen zu vermitteln und um im Sinne der Firma zu handeln. Oha! Dabei wollte ich doch beliebt sein und gemocht werden. Gerade von diesen jungen Menschen, mit denen ich meine Begeisterung teilen wollte. Doch als Ausbilder musste ich dafür sorgen, dass diese Menschen verstehen, was es bedeutet, Verantwortung zu übernehmen.

Noch mehr Verantwortung!

Aufgrund meiner Bereitschaft, immer mehr Verantwortung zu übernehmen, kamen weitere „Posten“ auf mich zu. Ich wurde Datenschutz- und Sicherheitsbeauftragter. Ich stellte Personal ein und musste Kündigungen aussprechen. Sie merken schon: Je mehr Verantwortung ich übernahm, desto weniger konnte ich beliebt sein – und wollte es interessanterweise auch immer weniger.

Seit ich die Geschäftsführung für den Vertrieb im Grundl Leadership Institut übernommen und mich intensiv mit „Unterscheidungen“ beschäftigt habe, hat mir diese Differenzierung enorm geholfen, mich mehr auf meine Bedürfnisse zu konzentrieren. Nun kann ich das passende Maß an Verantwortung besser erkennen und ausfüllen. Dadurch verstehe ich, dass ich eben nicht immer gemocht werden muss. Mein Job ist es, dafür zu sorgen, dass sich die Menschen in meinem Umfeld entwickeln, mehr Verantwortung übernehmen und das durch Ergebnisse sichtbar machen.

Das geht nicht, wenn ich es jedem recht machen will. Statt als Everybody’s Depp sehe ich mich jetzt als konsequenteren, verantwortungsvolleren Menschen. Eine Person, die weiß, dass sie manchmal unbequem sein muss, wenn Menschen Angst vorm nächsten Sprung, vor der nächsten Entwicklungsstufe haben. Zu sehen, wie sich diese Menschen dann entwickeln, macht wir bewusst, wie wichtig diese Unterscheidung für mich, mein Wirken und mein Umfeld ist.

Menschen wirken auf andere

Jetzt verstehen Sie vielleicht auch die Aussage von oben besser. „Wir erschaffen uns gegenseitig.“ Menschen wirken auf andere und umgekehrt. Durch unser Wirken entsteht Inspiration, Frustration oder Stagnation bei anderen – andere wiederum lassen diese Gefühle in uns entstehen. Was für eine Erkenntnis! Wie ist das bei Ihnen? Wollen Sie beliebt sein oder Verantwortung übernehmen und das durch Ergebnisse sichtbar machen?

Ich hoffe, Ihnen hat diese Unterscheidung und meine Erfahrung damit geholfen, sich selbst besser wahrzunehmen und zu erkennen, wo Sie in diesem Kontext stehen. Über einen Austausch mit Ihnen zu diesem Beitrag würde ich mich sehr freuen.

Ihr Jochen Hummel

Möchten Sie noch mehr Substanz

 

Bildquelle: © rawpixel  Pixabay

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